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Märchen zum Advent Teil IV

Als er endlich im Königreich an der südlichen Mauer angekommen war, hatten schon unzählige Freier vergeblich versucht, der Prinzessin ein Lächeln zu entlocken. Aber weder lustige Grimassen, drollige Kapriolen oder dressierte Ameisen hatten sie aufheitern können. Als nun Prunavius vor die Königin trat und sich höflich vorstellte, war diese schon so verzweifelt, dass sie auf seinen niedrigen Rang als letztgeborener Sohn nicht schaute und ihn anwies, seine Kunst zu versuchen.
Kaum hatte der Hummelprinz die wunderschöne, traurige Eglantine erblickt, wurde er von tiefer Liebe ergriffen. Er stimmte schnell die Zauberharfe und begann, eine so fröhliche und muntere Weise zu spielen, dass alle Herzen leicht und frei wurden. Auch die Prinzessin konnte sich dem Zauber der silbernen Töne nicht entziehen. Sie sprang auf, klatschte in die Hände und rief lächelnd: „Wie wunderwunderschön!“ Und alle Umstehenden fielen voller Begeisterung in ihr Klatschen ein.
Die Königin vernahm mit Erleichterung, dass Eglantine von ihrer Schwermut geheilt war. Als aber der Prinz auf sie zutrat und die Hand der Prinzessin ergreifen wollte, dachte sie bei sich, dass sie ihre Tochter doch lieber nicht einem solchen Habenichts überlassen mochte. Schnell sagte sie daher: „Wenn du dich tatsächlich der Prinzessin  würdig erweisen willst, musst du erst noch eine weitere Aufgabe erfüllen.Töte den Marder Mordwin, der unserem Volk schon großes Leid zugefügt hat.“
Prunavius musste sich fügen. Die Prinzessin aber, die inzwischen Gefallen an ihm gefunden hatte, verriet ihm, dass der Marder seinen Bau unter der alten Eiche hatte und erst bei Sonnenuntergang herauskam, um zu jagen. Der Prinz ergriff die silberne Harfe und machte sich auf zur alten Eiche. Als die Dämmerung hereinbrach und das Untier mit geschmeidigen Schritten aus seinem Bau heraustrat, spielte Prunavius rasch die schrille, bannende Melodie und Mordwin erstarrte bewegungslos. Rasch zog der Prinz sein Schwert und setzte es dem Marder an die Kehle. „Wenn du schwörst, das Land für immer zu verlassen und nie mehr zurückzukehren, lasse ich dich am Leben“, sprach er. Es war ihm nämlich aus tiefsten Herzen zuwider, ein Mitgeschöpf zu töten. Dann löste er den Bann und Mordwin, noch immer fast starr vor Angst, leistete den geforderten Schwur. Dann rannte er davon, so schnell er konnte, und wurde nie wieder gesehen.
Die Königin aber sann, wie sie doch noch um diesen Schwiegersohn herum kommen könnte, und dachte sich noch eine dritte Aufgabe aus. Als Letztes und Schwerstes sollte der Prinz dem Land, das seit vielen Wochen unter einer großen Dürre litt, den lang ersehnten Regen bringen. Die Prinzessin war betrübt und dachte, dass ihr Prinz diese Aufgabe wohl nicht bewältigen konnte. Trotzdem zog sie mit ihm auf die große Wiese mit dem schrecklich trockenen, braunen Gras. Dort spielte Prunavius Stunde um Stunde auf seiner Harfe, während die Prinzessin seinen Kopf mit einem Schmetterlingsflügel vor der sengenden Sonne schützte. Erst spielte er ganz zarte, leise Weisen und  entlockte seinem Instrument so liebliche Töne, dass schließlich eine neugierige kleine Wolke am Himmel auftauchte. Allmählich kamen immer weitere Wolken dazu. Das Spiel des Prinzen wurde schwermütiger und trauriger und klang dabei doch so wunderschön, dass es einem das Herz im Leibe umdrehen wollte. Die Wolken schmiegten sich Trost suchend aneinander, wurden dunkler und dunkler und begannen schließlich, vor lauter Ergriffenheit zu weinen.
Großer Jubel erfasste das ganze Land, und jetzt konnte auch die Königin dem Prinzen die Hand ihrer Tochter nicht mehr verwehren. So gab es kurz darauf ein rauschendes Hochzeitsfest. Alle Bewohner des verwunschenen Gartens waren geladen  und der Meisterspieler Basileus, dem der Prinz die silberne Harfe wieder zurückgegeben hatte, spielte auf zum Tanz. Und der glückliche Prunavius führte mit seiner Eglantine den fröhlichen Reigen an.

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